Aggression

Denken wir an die Schiessereien in den Schulen von Littleton (Colorado, USA) oder Erfurt, an die Menschenrechtsverletzungen der diversen Völker im ehemaligen Jugoslawien, der Tutsi gegen die Hutu in Ruanda, ca. 2640 Fälle von Mord und Totschlag sowie ca. 57100 Fälle von Raub laut polizeilicher Kriminalstatistik in Deutschland im Jahre 2001. Diese Beispiele sind nur die Spitze eines großen Berges aggressiver Verhaltensweisen. Aggressive Verhaltensweise spielen in allen Gesellschaften, sozialen Schichten und im Leben jedes einzelnen Menschen eine wichtige Rolle. Selbst die Familie kann nicht als Hort des Friedens bezeichnet werden. Die Psychologen Gelles und Strauss (1995) führen sogar aus: "Sieht man einmal von der Polizei und dem Militär ab, ist die Familie vielleicht die aggressivste soziale Gruppe...". Tatsächlich spielen sich die Mehrzahl der sexuellen Missbrauchs- sowie Tötungsdelikte im häuslichen Nahbereich ab. Der "unbekannte Fremde" als Täter ist eher die Ausnahme als die Regel.

Was ist nun Aggression und wie ist diese zu erklären? Aggression kann als ein auf Menschen oder Gegenstände gerichtetes, zerstörerisches oder schädigendes Verhalten angesehen werden. In unterschiedlichem Maße werden dabei die Intention der Schädigung oder der Effekt als Kriterium für eine aggressive Handlung betont. Aggressives Verhalten kann sowohl physisch wie psychisch orientiert sein. Mobbing, also der "Kleinkrieg" unter Kollegen am Arbeitsplatz, ist ein wichtiges Beispiel primär psychisch ausgerichteter Aggression. Eine wichtige Einteilung stammt auch von Feshbach: Er unterschied expressive Aggression, feindselige Aggression und instrumentelle Aggression. Erstere ist ungeplant und spontan, die zweite Form hat die Schädigung von Dingen und Personen zum Ziel. Die dritte Form ist auf ein nicht-aggressives Ziel gerichtet, zu dessen Verfolgung aber aggressives Verhalten eingesetzt wird.

Erklärungen für aggressive Verhaltensweisen sind sehr vielfältig. Einen  Überblick finden Sie beispielsweise auf den Seiten von Frau Prof. Dr. Margret Wintermantel, Universität des Saarlandes. Nachfolgend werden einige wichtige Beiträge exemplarisch vorgestellt. 

Ein wichtiges, inzwischen klassisches Buch der Aggressionsforschung stammt von den Autoren Dollard, Doob, Miller, Mowrer und Sears aus dem Jahre 1939. Die Grundidee ihrer Aggressionstheorie ist sehr einfach: Frustration führt zu Aggression und umgekehrt Aggression zu Frustration. Bekannt wurde diese Idee unter dem Namen Frustrations-Aggressions-Hypothese. Doch schon früh gab es entschiedenen Widerspruch. Frustration müsse nicht unbedingt zu Aggression führen. Auch Flucht oder Apathie können folgen. Entsprechend konzentrierten sich viele Forschungsbemühungen darauf, Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen Frustration tatsächlich zu Aggression führt. Unten finden Sie Beiträge aus einem Symposium zu der Frustrations-Aggressions-Hypothese, in dem mehrere Positionen hierzu vertreten werden. Anzumerken ist, dass die Grundgedanken der F-A Hypothese bereits in den Arbeiten von Freud (v.a. seine erste Triebtheorie) und Adler (seine späteren Ausführungen zur Aggression) auftauchen. Zu beiden finden sich Darstellungen in dem Lernportal zum Kurs 03250.

Während sich die Beiträge zu der vorgenannten Frustrations-Aggressions-Hypothese vor allem mit der Auslösung von aggressiven Verhaltensweisen befassen, bleibt die grundsätzliche Frage des Erwerbs eines aggressiven Verhaltensrepertoires offen. Die diesbezüglich wohl am stärksten beachteten Beiträge stammen von Albert Bandura und Kollegen. Diese stellen das Lernen anhand von Modellen in den Vordergrund. Bezeichnet wird dieser Vorgang üblicherweise als Imitations- oder Modelllernen. Aber auch andere lerntheoretische Erklärungsversuche sind im Rahmen des Erwerbs von aggressivem Verhalten von Interesse, vor allem das operante Konditionieren.

Die bisher genannten Ansätze zur Beschreibung und Erklärung aggressiven Verhaltens haben einen Nachteil: Deren Perspektive ist individualistisch. Darüber darf nicht vergessen werden, dass aggressives Verhalten nur auf dem Hintergrund eines gegebenen sozialen Kontextes verstanden und als solches richtig identifiziert und interpretiert werden kann. Wichtige Beiträge, im Rahmen derer Aggression als spezifische Form sozialer Interaktion gesehen wird, stammen von Amélie Mummendey oder von James T. Tedeschi. Von dem letztgenannten Autor finden sie unten einen Originalbeitrag. Des weiteren sind einige allgemeine Informationen zu dem interaktiv orientierten Ansatz aufgeführt.  

Eine wichtige Debatte dreht sich auch um den Zusammenhang von Medien und Gewalt. Zieht man den Beitrag von Bandura in betracht, so ist generell ein gewaltförderlicher Einfluss von aggressiven Mediendarstellungen zu erwarten. Ein gewaltförderlicher Einfluss wird auch von der Forschung zu diesem Thema überwiegend bestätigt. Sie finden unten mehrere Beiträge zu dem Thema Medien und Gewalt

Auch außerhalb der Psychologie sind wichtige Arbeiten zum Thema Aggression entstanden, beispielsweise in der Ethologie, der vergleichenden Verhaltensforschung. Ein wichtiger Name ist in diesem Zusammenhang Konrad Lorenz, der in seinem klassischen Buch "Das sogenannte Böse" (1963) die arterhaltende Funktion aggressiver Verhaltensweisen herausarbeitet. Aggressives Verhalten hat sich in seiner Sicht evolutiv bewährt und ist nicht per se als negativ zu bewerten. Beim Menschen sei allerdings problematisch, dass durch die Verwendung von Waffen, die auch auf große Entfernungen wirken, die bei Tieren wirkende Tötungshemmung praktisch außer Kraft gesetzt sei. Der Ansatz von Lorenz hat gegenwärtig nur mehr historische Bedeutung.

Im weiteren Umfeld zu dem Begriff Aggression beachten Sie bitte auch die Sparten Massenpsychologie dieses Lernportals, sowie EmotionLernen Motivation und Psychoanalyse des Lernportals zum Kurs 03250.


Inhalte


Überblick zu wichtigen Theorien und Befunden der Aggressionspsychologie

 

Aggression im Überblick


Inhalt

Eine Folienübersicht zu dem Thema Aggression.

Autoren/ Quelle

Prof. Dr. Margret Wintermantel, Univ. des Saarlandes

Anmerkungen/ weitere Seiten

Eine weitere textorientierte kurze Übersicht zu Theorien der Aggression finden Sie auch bei Prof. Dr. Werner Stangl, Univ. Linz.

Eher praktischer Natur ist ein Beitrag von ihm zum Thema Mobbing in der Schule.

Frustrations-Aggressions-Hypothese


Symposium on the Frustration-Aggression Hypothesis


Inhalt

Originalbeiträge zu den Ansichten wichtiger Psychologen zur Frustrations-Aggressions-Hypothese.

Autoren/ Quelle

Classics in the History of Psychology

Anmerkungen/ weitere Seiten

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Wichtige Literatur

Dollard, J., Doob, L., Miller, N.E., Mowrer, O.K. & Sears, R.R. (1939). Frustration and aggression. New Haven: Yale University Press.
Berkowitz, L. (1989). The frustration-aggression hypothesis: Examination and reformulation. Psychological Bulletin, 106, 59-73. 

Lerntheoretische Erklärungen zur Entstehung aggressiven Verhaltens

Szene aus dem 'Bobo-Doll' Experiment

Albert Bandura und seine Theorien


Inhalt

Eine übersichtliche Zusammenstellung von Materialien zu Albert Bandura und seinem theoretischen Ansatz - der vor allem durch seine Untersuchungen zum Erwerb aggressiven Verhaltens von Kindern bekannt wurde.

Autoren/ Quelle

Tobias Heidmann und Carsten Faust, Universität Köln
Bild: Aus The Social Learning Theory, Margaret Delores Isom

Anmerkungen/ weitere Seiten

Teilweise bestehen beim Aufrufen der o.g. Seite Probleme mit dem Internet Explorer.
Eine interessante Übersicht zur Entstehung und Entwicklung der Social Learning Theory erhalten Sie an der University of South Florida.

Wichtige Originalartikel sind bei Classics in the History of Psychology verfügbar. Hierzu gehört der Artikel "Transmission of aggression through imitation of aggressive models" von Bandura aus dem Jahre 1961.

Informationen zu Bandura finden Sie ferner auf der Seite von Dr. C G. Boeree und bei Dr. Werner Stangl, Univ. Linz.

Wichtige Literatur

Bandura, A., Ross, D. & Ross, S.A. (1961). Transmission of aggression through imitation of aggressive models. Journal of Abnormal and Social Psychology, 66, 3-11. 

Bandura, A. (1979). Aggression: Eine sozial-lerntheoretische Analyse. Stuttgart: Klett.

 

Aggression als soziale Interaktion

James T. Tedeschi

Social Interactionist Theory


Inhalt

Ein Überblick zu der Sozial-Interaktionistischen Perspektive in der Aggressionsforschung.

Autoren/ Quelle

Florida State University

Anmerkungen/ weitere Seiten

Social Power, Influence, and Aggression: Dieser Originalartikel von Prof. Tedeschi beschreibt eine Sicht der Aggression, welche die soziale Dimension von Konflikten betont.

Wichtige Literatur

Mummendey, A. (Ed.) (1984). Social psychology of aggression: From individual behavior towards social ineraction. Berlin: Springer.

Medien und Gewalt

 

Media Violence: Research Evidence and policy implications  Report prepared for The Council of Europe 


Inhalt

Dieser Text gibt einen Eindruck von der Forschung zum Thema Gewalt in den Medien und deren Auswirkung. 

Autoren/ Quelle

Directorate of Human Rights, Guy Cumberbatch

Anmerkungen/ weitere Seiten

Einen weiteren englischsprachigen Artikel zum Thema "Impact of Television Violence" von John P. Murray, Ph.D, Kansas State University, finden Sie ergänzende Informationen.

Eine Seite, die auch viele Informationen zu Medien und Gewalt sowie Jugendkriminlität gibt ist: Youth Violence: A Report of the Surgeon General.

Wichtige Literatur

Comstock, G. & Paik, H. (1991). Television and the american child. San Diego: Academic Press.

Ethologische Perspektive

Konrad Lorenz

Konrad Lorenz

 

Inhalt

Eine Autobiographie von Konrad Lorenz.

Autoren/ Quelle

nobel e-museum

Anmerkungen/ weitere Seiten

History of Psychology Archives

Als Person ist Lorenz wegen seiner Haltung im Nationalsozialismus nicht unumstritten.

Wichtige Literatur

Lorenz, K. (1963). Das sogenannte Böse. Wien: Borotha_Schöler.